Etscheits Cancel Cuisine: München käst

von | Apr. 22, 2026 | Aufmacher | 0 Kommentare

Grüne Städter hassen die deutsche Provinz. Das „Land“ dient ihnen höchstens als romantische Kulisse für Urlaubstage, wenn man nicht gleich nach Neuseeland oder Tasmanien fliegt, wo es ja viel ursprünglicher ist und auch noch keine Windräder die Landschaften verunzieren, die man braucht, um unten auf der Straße die Batterien des Elektro-SUVs mit „grünem“ Strom zu laden. Vor allem die Menschen auf dem Land sind Luxusökos suspekt. Überall AfD-Wähler und böse Bauern, die Tiere quälen und Böden, Luft und Wasser verpesten. Verstockt sind sie auch noch, wollen sich einfach nicht zum wahren Öko-Glauben bekehren lassen. Nur 14 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten nach Bio-Richtlinien – Tendenz fallend.

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen. Also soll das Land in die Stadt geholt werden. Wo Grüne und Linke am Ruder sind, werden mitten in der City Insekten freundliche Blühwiesen angelegt und innerstädtische Aufforstungsprogramme gestartet. So sollen in Münchens Altstadt, wo nie in nennenswerter Zahl Bäume standen, gleich 150 „Schattenspender“ gepflanzt werden – damit die Innenstadt im Klimasommer nicht zur „Hitzehölle“ wird. Den Spaß lässt man sich etwas kosten: bis zu 100 000 Euro pro Baum, schließlich ist eine Fußgängerzone keine Waldlichtung, wo man nur mal eben ein Loch buddeln muss.

Noch so eine schöne Idee, wie die Städte ergrünen sollen: „Urban gardening“ oder sogar „Urban farming“, die feuchtesten aller Nachhaltigkeitsträume. Ein paar Unentwegte meinen tatsächlich, man könne landwirtschaftliche Produktion in wahrnehmbarer Größenordnung in die Stadt transferieren. Doch oft scheitert das rührende Konzept schon daran, dass die „Gardener“ einfach in den Urlaub fahren und niemand mehr die Pflänzchen gießt auf dem Dachgarten, dem Balkon oder rund um einen Straßenbaum. Merke: Bauern haben keine Freizeit, vor allem, wenn sie sich noch um eine Herde Rindviecher kümmern müssen.

Schweine, Rinder und Pferde werden bislang noch keine gehalten in der Stadt, obwohl das in früheren Zeiten durchaus üblich war. Dafür gibt es in München nun eine Molkerei, mitten in Bogenhausen an der noblen Prinzregentenstraße, nur einen Steinwurf entfernt von Feinkost Käfer. „Münchner Käsemanufaktur“ steht über dem Eingang; durchs Fenster sieht man einen großen Kessel, an der Wand hängt eine „Käseharfe“ zum Umrühren des Bruchs und überall liegen Schläuche, stehen Wannen herum. Sehr ungewöhnlich, dieser Anblick an diesem Ort.

Dass die Milch zum Käsen vom Land eigens in die Stadt gefahren wird, ist ebenfalls, nun ja, ungewöhnlich. Mehrmals pro Woche karrt der Biobauer Veicht aus Grafing, 35 Kilometer östlich von München, den Rohstoff für die Käsemanufaktur höchstpersönlich heran, besonders klimafreundlich dürfte das nicht sein. Manchmal verspätet er sich, weil er im Stau steckt, so etwas kommt vor, wenn die Molkerei mitten in einer Millionenmetropole liegt, was deutschlandweit einmalig sein dürfte.

Fünfzig Milchkühe stehen bei den Veichts im Laufstall oder auf der Weide. Sie werden wie zu guten, alten Zeiten, im Sommer nur mit Gras, im Winter mit Heu gefüttert. Dafür gibt es für romantisch veranlagte Stadtbewohner einen klangvollen Namen: Bio-Heumilch. Außerdem dürfen die Kälber im Hof der Veichts in den ersten Monaten bei der Mutter leben und werden von ihr gesäugt. Ethisch korrekte Tierhaltung schmeckt man zwar nicht, doch sie kommt gut an, nicht nur bei Lastenradfahrern.

Das ökologische Drumherum und die Produktionsstätte mitten in einer der teuersten Städte der Welt gibt’s nicht kostenlos. Mit durchschnittlich mehr als fünf Euro für 100 Gramm Käse sind die Preise der Manufaktur auch für Münchner Verhältnisse ambitioniert, zumal die verschiedenen Sorten wie der „Isarbazi“, ein dem elsässischen Münster ähnelnder Rotschmierkäse, oder der „Gspusi“, ein halbfester Schnittkäse, relativ jung verkauft werden. Wer sich solcherart „Regionalität“ leisten will, kauft direkt ab Molkerei oder an einem schicken Stand auf dem Viktualienmarkt.

Und wie schmeckt er nun, der Käse aus dem Herzen der Isarmetropole? Handwerklich ist nichts an ihm auszusetzen, doch bekommt man gleiche oder bessere Qualität anderswo zu günstigeren Preisen. Nur eben ohne grünes Marketing und ohne Prinzregentenstraßenflair.

Foto: Achgut.com K.I

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