Als es erst eine Handvoll Fernsehkanäle gab, war der Begriff des Zappens noch unbekannt. Es gab eh nur die Öffis und sie waren damals noch nicht so heruntergekommen und ungenießbar wie heute. Da freute man sich noch auf Kuli, Rudi Carrell und sogar den hölzernen Wim Thoelke, den eigentlich nur „Wum“ erträglich machte und ließ sich von echten Journalisten wie Hanns Joachim Friedrichs ohne Bauchschmerzen auf den neuesten Nachrichtenstand bringen. Dann kamen die Privaten und schließlich das Satellitenfernsehen mit seinen unzähligen Spartenkanäle, man begann wild hin- und her zu knipsen, zu zappen eben. Mittlerweile „streamen“ immer mehr Leute. Für sie hat sich das Zappen erledigt, weil man von den Streamingdiensten ja immer genau das bekommt, was man gerade möchte.
Mit ist das etwas unheimlich, weil ich oft gar nicht weiß, was ich sehen will. Meine TV-Generation ließ sich noch gerne überraschen von der flimmernden Wundertüte. Heute zappe ich an manchen Abenden, wenn ich sogar zu müde bin, mir einen alten „Derrick“ in den DVD-Recorder einzulegen, immer noch ganz gerne. Wenn ich dabei die Öffentlich-Rechtlichen erwische, ärgere ich mich, weil moderne Fernseher, die eigentlich Computer sind und immer etwas hoch- oder runterladen, so lahm beim Umschalten sind. Leider steht die empfangbare Zahl der Kanäle in einem umgekehrt reziproken Verhältnis zur Qualität. Nur selten gelingt einem noch eine Trouvaille.
Es gibt ganz weit hinten auf der Tastatur einen Spartenkanal namens „Just Cooking“, der sich dem Kochen widmet und auf dem zu bester abendlicher Stunde nonstop eine Kochshow gezeigt wird, die einmal Kultstatus genoss: „Alfredissimo“ mit dem unvergessenen Alfred Biolek. „Bio“ konnte zwar nicht besonders gut kochen und mit der Zeit gehen einem manchen seiner Marotten („Mhhhh“), sein wenig appetitliches Altherren-Schlürfen oder seine fahrige Art der Essenszubereitung auf die Nerven, vor allem wenn man sich drei Folgen hintereinander anschaut. Aber alles in allem ist „Alfredissimo“ beste Unterhaltung, bei der man zuweilen auch noch etwas lernt.
Biolek war von Haus aus Jurist und eine Zeitlang Justitiar beim ZDF und wechselt nach und nach ins Showbusiness. Für Rudi Carrell produzierte er „Am laufenden Band“, wohl die beste Schule, die man sich denken kann. Dann machte er sich gewissermaßen selbständig und wurde zu einem Pionier der deutschen TV-Unterhaltung, etwa mit seinen diversen Talkshow-Formaten und der großen Musikshow „Bios Bahnhof“, in dem er vorurteilsfrei alle Musikgenres von Pop bis Klassik zusammenspannte und sich auch als Talentscout einen Namen machte. Heute nennt man das Crossover.
Bio war ein Grandseignieur und ein Schalk zugleich, eine Mischung, die ihm nicht nur die Herzen seines Publikums zufliegen ließen, sondern offenbar auch auf Superstars aus aller Welt anziehend wirkte. Mit ihm erklomm die Fernsehunterhaltung einen bis heute nie mehr erreichten Gipfelpunkt. Von keinem Geringeren als Sammy Davis, Jr. erhielt er 1982 den Ritterschlag: Ich möchte etwas sagen: Ich habe noch nie das Vergnügen gehabt – ich bin nun seit 53 Jahren im Showgeschäft – (…). Ich muss sagen, dass dies die außergewöhnlichste und am wunderbarsten gemischte Fernsehshow ist, in der ich jemals die Ehre hatte, auftreten zu dürfen.“
Auch mit seiner Kochshow hatte er den richtigen Riecher. Produziert wurde in einem Nachbau von Bios privater Küche (inklusive „Bio-Loch“-Mülleimer) in seiner Kölner Wohnung wo der später als homosexuell geoutete Junggeselle legendäre Tafelrunden organisierte. Interessanter als die oft recht simplen Rezepte, ist die Art und Weise, wie Bio bei „Alfredissimo“ mit seinen sehr unterschiedlichen Gästen umgeht.
Bio war ein Meister darin, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Gäste zu öffnen wagten. Kritik war seine Sache nicht, was im zuweilen den Vorwurf einbrachte, seinen Gästen nach dem Mund zu reden. Andererseits wussten die Eingeladenen, dass Bio sie nicht vorführen würde. Das brachte einmal sogar Helmut Kohl, der Journalisten hasste, dazu, in „Boulevard Bio“ bestens gelaunt aus dem Nähkästchen zu plaudern.
In zunehmend verrohten und bildungsfernen Zeiten wie den heutigen ist „Alfredissimo“ reinster Seelenbalsam. Zu Hochform läuft Bio auf, wenn er mit jungen, hübschen Männern am Herd steht oder mit burschikosen Frauen wie Bettina Böttinger, die in einer kurzweiligen Folge ein durchaus nachkochenswertes „Toskanisches Wildschweinragout“ mit Kakaopulver fabrizierte, vor einem Vierteljahrhundert ein kulinarisches Wagnis. Und wie er zusammen mit dem vermutlich bis Oberkante Stirnhöhle zugekoksten Helmut Berger „Spaghetti frutti di mare“ kochte, war hohe Kunst der Menschenführung.
Schwerer tat sich Biolek mit Politikern wie Jürgen Trittin, der kein Wort herausbrachte und auch beim Kochen von „Sauren Linsen“, nomen est omen, keineswegs sympathischer wirkte wie als K-Gruppen gestählter Umweltminister, dem die famose Energiewende zu verdanken ist. Natürlich war „Alfredissimo“ ein Spiegel seiner Zeit, als grünes Gedankengut auch in Kreisen des Bildungsbürgertums hoffähig wurde. Doch noch wurde nicht gepredigt und verboten und in der Küche durfte sogar gekörnte Fertigbrühe verwendet werden. Genuss und Freude am unvoreingenommenen Gespräch mit Menschen war es, was Biolek am Herzen lag. Das macht seine unkomplizierte Kochshow so sehenswert.
Foto:Pixabay
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