Etscheits Cancel Cuisine: Zwiebel-Hackbraten

von | Apr. 20, 2026 | Aufmacher | 0 Kommentare

Sogenannte Philosophen verstehen es, einfache Zusammenhänge so kompliziert auszudrücken, dass sie niemand mehr versteht, aber beim Lesen der Eindruck entsteht, man würde zumindest einen Zipfel des Weltgeistes erhaschen. „Das Sein zur Möglichkeit als Sein zum Tode soll aber zu ihm sich so verhalten, dass er sich in diesem Sein und für es als Möglichkeit enthüllt. Solches Sein zur Möglichkeit fassen wir terminologisch als Vorlaufen in die Möglichkeit.“ Heidegger. Got it?

Markus Lanz würde Heidegger, säße er ihm heute im Studio gegenüber, sicher entgegnet haben: „Da stimme ich Ihnen voll zu, Herr Professor“. Verstanden hätte er natürlich nichts. Zum Glück für Lanz lebt Heidegger nicht mehr und er hätte sich aus seinem Hochschwarzwälder „Hüttendasein“ niemals in ein Fernsehstudio begeben, anders als Richard David Precht, der gefühlt in jeder zweiten Quasselsendung neben Giovanni di Lorenzo herumhängt, sich ebenfalls Philosoph nennt und bedeutend besser aussieht als Heidegger.

Mit Peter Sloterdijk, amtierender deutscher Groß-Philosoph nach dem Tode von Jürgen Habermas, verbinden Precht zumindest die langen Haare. Ansonsten steht er dem jüngst verstorbenen „Bild“-Denker und „Gossen-Goethe“ Franz-Josef Wagner näher als Martin Heidegger. Sloterdijk hingegen, der allein schon deswegen wichtig erscheint, weil niemand weiß, wie man seinen Nachnamen ausspricht, ist eher ein Maximilianstraßen-Goethe, der seine Weisheiten gerne in der Süddeutschen Zeitung (SZ) ausbreitet oder als gern gesehener Gast im oberbayerischen Luxushotel Schloss Elmau, Todtnauberg für Elektroporsche-Besitzer.

Jüngst durfte Sloterdijk in der Alpenprawda für sein neues Buch Werbung machen. In einem Interview mit dem SZ-Feuilletonisten Jens-Christian Rabe zieht er eine Linie von Platon über Trump bis zum kalorienreduzierten Zwiebelhackbraten. Am Beispiel des aktuellen US-Präsidenten siniert Sloterdijk über dessen „Gefolge“, das eine Sehnsucht nach Schamlosigkeit und Enthemmung verbinde. „Der innere Pöbel möchte halt auch mal die Füße auf den Tisch legen.“ Kennen Sie die Lebensmittel-Marke „Du darfst?“, fragt er den Frager. „Natürlich, Zwiebelhackbraten für die Mikrowelle …“ Sloterdijk nimmt die Vorlage dankbar an: „Ich würde sagen: Trump ist der politische Zwiebelhackbraten, auf dem steht: „Du darfst“. Eine unwiderstehliche Botschaft.“

Das lässt tief blicken in das Sein zur Möglichkeit des Seins nicht nur bei Sloterdijk, sondern auch beim Interviewer Rabe, seines Zeichens Literatur- und Pop-Kritiker im SZ-Feuilleton. Offenbar schiebt sich dieser hoch zivilisierte Journalist, der sich so weit entfernt wähnt vom „Virtuosen der Schamlosigkeit“ und seinem pöbelhaften „Gefolge“, ab und an einen vorgekochten „Du darfst“- Zwiebelhackbraten in die Mikrowelle. Eigentlich sähe man ihn eher bei französisch-japanischer Minimal-Kulinarik im Ikigai in Schloss Elmau (2 Michelinsterne“) als an der Convenience-Kühltheke im Supermarkt. Leider ist über die kulinarischen Abgründe von SZ-Feuilletonisten viel zu wenig bekannt.

Dem Kollegen Rabe müsste zudem bewusst sein, dass es sich bei dem von ihm favorisierten Zwiebelhackbraten um einen übergriffigen Akt kultureller Aneignung handelt. Die Lebensmittelmarke „Du Darfst“ wurde 1973 als eine der ersten Light-Marken überhaupt speziell für Frauen herausgebracht, die sich der „Fremdbestimmung durch männliche und gesellschaftliche Rollenerwartungen“ zu entziehen gedachten. „Kalorienzählen war gestern. Du darfst unterstützt Frauen, durch fettarme und ausgewogene Ernährung ihr persönliches Schönfühlgewicht zu erreichen oder zu halten.“ Der 2012 aufgekommene Werbeslogan „Fuck you, Diät!“ klang bedrohlich nach Trump und seinem Gefolge, wurde allerdings nach Protesten zurückgezogen.

Von einem SZ-Feuilletonisten wie einem amtierenden Großdenker sollte man erwarten, dass sie das hinter Marken wie „Du Darfst“ stehende Marketingkonzept durchschauen und von solchen, angeblichen Schlankheitsprodukten die Finger lassen. Gegen Zwiebelhackbraten an sich ist nichts einzuwenden. Es handelt sich um ein in ganz Deutschland verbreitetes Wirtshausgericht, klassische Hausmannskost: Eine Bulette in Form eines Bratens, manchmal auch als „falscher Hase“ bezeichnet und mit einem hartgekochten Ei gefüllt, sowie mit reichlich in Butter angeschmolzenen Zwiebeln garniert, was dem etwas faden Fleischklops Deftigkeit verleiht. Dazu eine einfache Bratensoße, idealerweise ebenfalls hausgemacht, und Spätzle oder Bratkartoffeln.

Die edlere Version ist der (schwäbische) Zwiebelrostbraten, bei dem es vor allem auf die Güte des verwendeten Rindfleisches, meist eines Rumpsteaks, ankommt. Warum gerade der Steak-Adept Trump, der sein Tomahawk (nicht die Rakete gleichen Namens!) gerne well-done genießt, zum low calorie Hackbraten-Apostel degradiert wurde, weiß wohl nur der Philosoph.

Diese Kolumne erscheint immer sonntags bei achgut.com

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