Kurz vor der russischen Invasion der Ukraine im Frühjahr 2022 war das Restaurant „Beluga“ im Moskauer Fünfsternehotel „National“ noch mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet worden. Der Stern prangt immer noch neben dem Eingang, auch wenn die Inspektoren der Fressbibel seither einen großen Bogen um russische Restaurants machen.
Ich weiß, es gibt Leute in Deutschland, die mich dafür kritisieren werden, dass ich hier zu Gast war und Kaviar mit einem Perlmuttlöffel aß, während an der Ukrainefront junge Menschen sterben. Aber bringt es uns dem Frieden näher, wenn ich mich stattdessen nur an einer mit Kohl gefüllten Pirogge labe?
Auf jeden Fall ist der Blick aus dem prächtigen Gastraum mit seinen modernen Glaslüstern direkt auf den angestrahlten Kreml kaum zu toppen. Dass ich mich in Gesellschaft des einen oder anderen Oligarchen befand, dürfte sicher sein angesichts der voluminösen Kaviarportionen, die von weiß behandschuhten Servierkräften unablässig durchs Lokal getragen werden. Außerdem sehe ich auffallend viele robust aussehende, stiernackige Männer in Begleitung aufgetakelter Frauen und ständig am Handy klebender Gören – bekanntlich rekrutierte sich die heutige russische Oberschicht nicht aus Intellektuellenkreisen.
Küchenchef des „Beluga“ ist seit dem vergangenen Jahr Roman Chistov, der „traditionelle Kochtechniken mit einer Referenz an die alte russische Küche mit saisonalen und regionalen Zutaten“ kombiniere, wie auf der Webseite des „Beluga“ zu lesen ist. Das Kaviar-Angebot sucht seinesgleichen; die Getränkekarte ist ausgesprochen Champagner- und Wodka-lastig, daneben gibt es zahlreiche russische Rot- und Weißweine etwa von der Krim oder aus dem Krasnodarskij Kraj („Region Krasnodar“) im Süden der russischen Föderation, der etwa so groß ist wie Bayern – Hotspot der neuen, russischen Wein- und Schaumweinszene.
Ich bestellte mir eine mittelgroße Portion schwarzen Osietra-Kaviars mit dünnen Pfannkuchen zum Preis von umgerechnet rund vierzig Euro, danach eine Schale Borschtsch (Rote-Beete-Suppe) nach Art des Hauses mit Smetana, der dickflüssigen russischen sauren Sahne und knusprigen Briochebrötchen sowie als Hauptgang eine Art Kohlroullade, mit Störfleisch gefüllt in Morchelsauce. Alles schnörkellos-klassisch zubereitet ohne asiatisches Chichi wie bei uns.
Ich hätte auch etwas mit Bärenfleisch haben können, doch ich hatte in letzter Zeit leider zu viele süße Bärenvideos aus Sibirien auf Instagram gesehen. Das Dessert, Variationen vom Honig mit dem Titel „Mehr als Honig“ war ein krönender süßer Abschluss in einem Land, in dem der Honig fast als etwas Heiliges gilt.
Zu diesem Festmahl orderte ich eine Flasche sehr anständigen russischen Chardonnay von einem Weingut am Schwarzen Meer mit dem klangvollen Namen Chateau de Talu. Knackige Säure und Mineralität, guter Körper dank teilweisem Ausbau in neuen Barriquefässern. Erstaunlich, was russische Winzer mittlerweile auf die Flasche bringen.
Der Service wirkte nicht ganz so unbeholfen wie andernorts in Moskau, doch wurde ich nicht gerade besonders zuvorkommend behandelt. Vielleicht muss man hier erstmal goldene Uhren ans Personal verteilen. Freundlichen und fachkundig war der Sommelier. Nur hätte ich mir gewünscht, wenn man ihn mir gleich zu Anfang geschickt hätte, als ich orientierungslos auf die Weinkarte stierte. Glücklicherweise traf ich offenbar intuitiv die richtige Wahl. Alles in allem ein denkwürdiger Abend, den ich mit einem Wodka stilecht beschloss. Das Glas an die Wand zu werfen, wäre hier wohl unschicklich gewesen.
„Signature Dish“ des Restaurants ist das „Bargeman‘s Breakfast“ („Schiffer-Frühstück“). Es beinhaltet ein Kilogramm (!) schwarzen Kaviars nebst allerlei kleinen Speisen und Dips, eine Flasche „Beluga Gold Line Wodka“ sowie eine Magnumflasche „Tête de Cheval brut“, ein nach der Champagnermethode hergestellter Schaumwein von einem Weingut auf der Taman-Halbinsel gegenüber der Meerenge von Kertsch mit der auf die Krim führenden Kertschbrücke. Preis der Kaviardröhnung: 88 000 Rubel, umgerechnet rund 900 Euro. Das russische Durchschnittsgehalt liegt bei etwa 1000 Euro pro Monat mit signifikanten Abweichungen nach oben in den Großstädten. Das „Beluga“ wirbt damit, Kaviar zu den günstigsten Preisen in Russland anzubieten. Alles ist relativ.
Foto: Beluga


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