In Deutschland, dem Land der dicken Bücher, wird alles zur Schicksalsfrage. Während andernorts, wenn es heiß ist, die Klimaanlagen rattern und tropfen, entbrennt hierzulande eine heftige Diskussion darüber, ob die Kältemaschinen mit ihrem hohen Energieverbrauch nicht ihrerseits den Klimawandel anheizen. Und man besser auf sie verzichten und sich irgendwo ein schattiges Plätzchen suchen sollte. Das sollte man mal den New Yorkern erzählen, einer Stadt, in der man im Sommer im Freien nur überleben kann, wenn man sich von Shoppingmall zu Shoppingmall flüchtet. Wobei man trotzdem ein Jäckchen oder einen dünnen Pullover nicht vergessen sollte, weil der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen schon mal 20 Grad betragen kann.
Immerhin scheint der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, anders als in Sachen Corona, einer Erleuchtung teilhaftig geworden zu sein, wenn er eingesteht, dass „Vorbehalte gegen Klimaanlagen“ in Zeiten sogenannter erneuerbarer Energien falsch seien, wenn es darum gehe im Sommer ältere Menschen vor dem Hitzetod zu bewahren. Und die Grünen traten auf dem Höhepunkt der jüngsten Hitzewelle mit einem Sofortprogramm für Krankenhäuser, Altenheime, Kitas und Schulen an die erhitzte Öffentlichkeit. Dafür brauche es Jalousien, Fassadenbegrünung, Belüftung und, das ist so neu wie der grüne Militarismus „volles Tempo beim Ausbau von Klimaanlagen“ – allerdings nur in Verbindung mit Solaranlagen. Ein bisschen Zwang muss schon sein.
Natürlich sind auch die Klimaleugner jenseits der, nomen est omen, Brandmauer, Befürworter von Klimakilleranlagen, aber mit „gänzlich anderen Argumenten“, wie die „Welt“ despektierlich anmerkte und den baupolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, einen gewissen Marc Bernhard zitierte: „Anstatt durch technische Lösungen die Hitzegefahren vor allem für vulnerable Gruppen zu senken und Menschenleben zu retten, ergehen sich die Regierung, die von ihr finanzierten NGOs und die Mainstream-Medien lieber in politisch-korrekten Warnungen vor der ‚globalen Erwärmung‘“. Für den Einbau von Wärmepumpen als Heizungen werde das Argument des hohen Strombedarfs und damit der Verschärfung des Klimawandels ignoriert, obwohl diese genauso funktionierten wie Klimaanlagen. „Das ist Heuchelei“, so Bernhard. Touché!
Ich gehöre mittlerweile, weil in der Mitte der Sechziger angelangt, auch schon zu einer vulnerablen Gruppe. Trotzdem halte ich nicht viel von künstlicher Raumkälte, nicht aus Gründen überschießenden Stromverbrauchs oder weil auch Lauterbach und die Grünen jetzt dafür sind, sondern weil ich mich nicht erkälten will. Deswegen schalte in Hotels immer zuerst die Air Condition ab und reiße das Fenster auf. Flugreisen meide ich vor allem deshalb, weil ich den Urlaub nicht mit steifem Nacken und einer Halsentzündung beginnen will. Und im Auto fahre ich in meinem VW-Golf sommers immer mit heruntergelassenen Fenstern und gönne mir Cambrio-Feeling. Wenn es draußen allzu drückend ist, lasse ich mir von der Klimaanlage, wohlgemerkt bei offenen Fenstern, den Unterleib erfrischen. So geht bei mir Stoßlüftung!
Nur einmal, ein einziges Mal dankte ich dem Herrgott und Herrn Linde dafür, dass es einen Joule-Thomson-Effekt gibt. Ich weilte einmal im September in Madrid, ein echter Hotspot, und war mir nicht sicher, ob ich die Nacht in einem kleinen, stickigen Zimmerchen eines nicht sehr teuren Hotels im Stadtzentrum überleben würde, bis ich den Knopf fand, mit dem ich aus einem über der Tür installierten Kasten die rettende Kälte hervorlocken konnte. Sonst hätte ich wohl auf der Straße nächtigen müssen, wo die Wirte unter ihren Sonnenschirmen Anlagen installiert hatten, die einen feinen, kühlen Wassernebel versprühen.
Zu den von mir rückhaltlos gut geheißenen Kältemaschinen zählen Kühlschrank und Gefriertruhe, wobei sich jetzt eine gute Möglichkeit bietet, den Schlenker zu Kulinarik zu vollziehen. Wer wissen will, wie Butter vor Erfindung des Kühlschranks schmeckte, braucht sie nur zwei Tage bei Zimmertemperatur in der Küche stehen zu lassen. Insofern erscheint der Besitz einer Kühl-Gefrierkombination in der Tat alternativlos, vor allem, wenn man geradezu süchtig nach Speiseeis ist.
Wie man auch ohne teure Eismaschine ein köstliches Erdbeer- oder Vanilleparfait herstellt, habe ich schon an anderer Stelle beschrieben. Das macht mich nahezu unabhängig von den vielfältigen Angeboten der Speiseeisindustrie. Die einzige Ausnahme: Nogger. Eine ebenso einfache wie geniale Kombination – ein Kern von Schokoladeneis, umhüllt von Vanilleeis und einer knackigen Hülle aus Schokoladenglasur mit knusprigen Nussstückchen. Man beißt sich schichtweise bis zum Inneren vor, das in der Version Nogger Choc noch aus einer kompakten, um den Holzstiel gelegten Nussnougatmasse besteht. Das ist mir aber schon wieder zu süß und zu reichhaltig.
Natürlich denke ich bei „Nogger“ immer an das, an das alle denken, nämlich eine verschärfte Form des berüchtigten N-Wortes. Laut einer KI-Recherche soll „Nogger“ von „Nougat“ abgeleitet sein. Das halte ich, die KI möge mir nicht gram sein, für wenig stichhaltig, weil die beiden Worte phonetisch nicht sehr nah beieinander liegen und zudem Nogger Choc (mit Nougatkern!) erst 1986 eingeführt wurde, während der Klassiker unter gleichem Namen schon seit 1964 auf dem Markt ist. Erstaunlich, dass die zumindest zweideutige (und dazu noch anzügliche) Bezeichnung („Nogger Dir einen!“) von Wokisten, Antifanten und Feministinnen bislang toleriert oder schlicht übersehen wurde. Mich würde es nicht wundern, wenn der eine oder andere wackere Kämpfer gegen die Schwefelpartei an diesem heißen Wochenende in Erfurt sich erstmal ein Nogger gönnt, bevor man sich, gestärkt und erfrischt, wieder ins Kampfgetümmel stürzt.
Foto: Pixabay
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