No kids, please!

von | Juli 17, 2026 | Aufmacher | 0 Kommentare

„Wo lebe ich eigentlich“, diese rein rhetorische Frage, die trotz der Anmutung keine geografische ist, stellt sich immer öfter je älter man wird, und je mehr sich damit der Erinnerungshorizont erweitert. „Wir leben im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat“, sagte Frank-Walter Steinmeier am 3. Oktober 2022 in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Ganz ohne zynischen Unterton oder Ironie. Er hat seine Plattitüde tatsächlich ernst gemeint und viele folgsamen Untertanen haben Beifall geklatscht. Bis heute, denn sie wissen es scheinbar nicht besser.

Ich stimme da eher dem charismatischen und skurrilen Humoristen Karl Valentin zu, dem der Satz „Die Zukunft war früher auch besser“ zugeschrieben wird, und dessen Äußerungen bei näherem Nachdenken eine bemerkenswerte philosophische Tiefe entfalten. Das schafft nicht jeder. Weder das eine, noch das andere.

Also „tempus fugit“? Doch selbst der alte Lateiner-Spruch hat sich überlebt, die Amts-, Literatur- und Alltagssprache der Römer, die nach dem Untergang des Weströmischen Reiches die Sprache der Kirche, der Wissenschaft, der Diplomatie und der Bildung blieb, ist out. Weil die Kirche nichts mehr zu sagen hat? Weil Bildung und Diplomatie sich mittlerweile ausschließen und sich die Wissenschaft zum Handlanger von Ideologen macht, wenn die Fördergelder stimmen?

„Wo lebe ich denn nun“, fragt man sich immer erstaunter in Habachtstellung und der damit verbundenen Hoffnung, dass es nicht so schlimm wird, wie es schon ist. Was ist denn noch übrig von den Parametern, die einst die deutschen Tugenden dynamisierten und für die gesellschaftspolitischen Resultate sorgten, die man im Ausland bewundernd oder beneidend unter „Musterknabe“ subsummierte. Bei näherer Betrachtung nichts.

Doch, halt! Die deutsche Ausgrenzungskultur ist noch da und erlebt landauf landab eine ungeahnte Renaissance. „Wir müssen leider draußen bleiben“, ein unsterblicher deutscher Klassiker, der nicht nur Hunde vor der Metzgerei drangsaliert. Wir, das ist längst die ehemalige Fußballmacht, die in der Runde der Besten nicht mehr mitspielen darf. Wir, das ist das Land, das in der Abstimmung der UN-Generalversammlung um einen Sitz im Sicherheitsrat den Mitbewerbern Österreich und Portugal unterlag. Wir, das ist das Land von Beethoven und Co, das regelmäßig beim Eurovision Song Contest auf den hinten Rängen landet. Wir, das ist die ehemalige Autobauer-Nation, die mit Weitblick an die Wand gefahren wurde. Und wir sind das Volk, das mehrheitlich Adult-only-Gastronomie, also Restaurants, die nur Erwachsenen zugänglich sind, befürwortet.

Etwa 61 Prozent der Befragten einer Umfrage von Lightspeed waren der Meinung, dass die Gastronomie solche Konzepte anbieten sollte. Lieber Hunde statt Kinder, von den Vierbeinern fühlen sich die meisten Befragten weniger gestört. Doch Schatten gibt es nur wo Sonne ist. Für Babysitter, SitterInnen und Sittende eröffnen sich damit ganz neue Dimensionen. Eine Wachstumsbranche, die den versprochenen wirtschaftlichen Boom in die Tat umsetzen und Deutschland wieder ganz nach vorne bringen könnte. Noch vor Paraguay. Mindestens so lang, wie die Sitz-Gastronomie noch existiert, und nicht To-Go-Läden oder Lieferdienste den Hunger bedienen.

Foto: Pixabay/KI

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