Bad Ems: Heruntergekommenes Weltbad als Modell für die Republik?

von | Mai 31, 2024 | Aufmacher | 0 Kommentare

Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie eine einstmals renommierte Kurstadt ihren Glanz verloren hat und zu einer heruntergekommenen Stadt mutiert ist, der muss sich nach Bad Ems aufmachen. Die Stadt an der Lahn, die heute rund 10.000 Einwohner zählt, galt im 17. und 18. Jahrhundert dank ihrer Heilquellen und prächtigen Bauten als der berühmteste Badeort Deutschlands. Zaren, Kaiser, Könige, Künstler, Musiker, Schriftsteller, Stars und Sternchen tummelten sich in dem „Weltbad“, der Sommerresidenz zahlreicher Monarchen. Entsprechend nobel war die Stadt mit Hotels, Cafés und Restaurants aufgestellt.

Davon ist kaum etwas übrig, eigentlich gar nichts. Schnee von vorgestern. Dabei wurde Bad Ems im Jahre 2021 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen und gehört laut der Organisation zu den bedeutenden Kurstädten Europas, dessen Erhalt im Interesse der gesamten Menschheit ist. Da möchte man nicht wissen, wie die nicht ausgezeichneten Kurstädte aussehen, oder ob man die gleich platt gemacht hat, weil ihr Erhalt von keinem Interesse ist. Zugegeben, die architektonische Substanz der Stadt ist durchaus beeindruckend, natürlich hier und da mit den Bausünden der Nachkriegsjahre verschandelt.

Alles nur Fassade, mit etwas Aufwand und Investment reparabel. Was aber dahintersteckt, kann einem das Gruseln lehren. Vor allem kulinarisch betrachtet ist Bad Ems Diaspora und auf dem Niveau einer Autobahnraststätte im hinteren Osteuropa. Es sei denn, man schwört in Sachen Nahrungsaufnahme auf Kebab und Pizza in einem geschmacklosen Ambiente, das selbst die schon erwähnte Autobahnraststätte in den Schatten stellt. On the Top ist das Brauhaus auf der Bismarckhöhe, hier sind Interieur und Essen auf einen Level, das tiefer hängt als die letzte Latte beim Mambotanz.

Aber das ist noch nicht Ende der Fahnenstange. Das stolze „Grand Hotel Häckers“ mit seiner eindrucksvollen Fassade hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, Glanz und Elend der Kurstadt anschaulich dazustellen. Schon das Prospekt des historischen Hauses zeigt wohin die Reise geht. Farben, Bilder, Sprache und Layout aus längst vergangenen Tagen, Werbebotschaften, die selbst einfache Geister nicht mehr hinter dem Ofen hervorholen. Das Interieur ist geprägt vom Glanz herrschaftlicher Zeiten, leider wahllos gemixt mit Plüsch und Kitsch im Stil der 1980er und 1990er Jahre. An den Marmorsäulen kleben Werbe-Plakate, die Rezeption, besetzt mit hemdsärmeligem Personal, sieht aus wie vor oder nach einem Umzug.

Was sich hinter dem im Prospekt angepriesenem “Verwöhnfrühstück” und der “Verwöhnpension” verbirgt, wird für Menschen mit Geschmack ein ewiges Rätsel bleiben. Die anderen sitzen an der Bar oder lümmeln sich in Trainingsanzügen und Leggings in Übergrößen auf der Terrasse. Einziger kulinarischer Lichtblick ist das Café Eckstein in der Talstation der ehemaligen Malbergbahn. Bei hausgemachten Kuchen und innovativen Tellergerichten reicht der Panoramablick auf das andere Ufer der Lahn, wo im Sonnenlicht der alte Glanz der Kurstadt noch einmal aufblitzt. Aber nur als optische Täuschung.

Foto: Pixabay

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert