Es macht mich immer etwas ratlos, wenn man von mir wissen möchte, ob ich lieber Rot- oder Weißwein trinke. Eine Frage, mit der man zuweilen konfrontiert wird, wenn man Gäste eingeladen hat, die einem eine Freude machen wollen. Natürlich kann ich nicht sagen, dass ich am liebsten gar keinen Wein geschenkt bekommen möchte, sondern lieber eine Schachtel Pralinen, einen Blumenstrauß oder, noch besser, Geld. Ich habe nämlich genug eigene Flaschen im Keller liegen, von deren Güte ich überzeugt bin. Geschenkte Bouteillen liegen bei mir meist sehr lange in der Stellage auf dem Kühlschrank herum, bevor ich mich an sie heranwage. Nicht selten verhauchen sie nach dem Öffnen unter traurigem Gluckern ihr Leben im Ausguss.
Ich selbst vermeide es, andere Menschen nach ihrer Weinpräferenz zu befragen, wenn ich ihnen etwas Flüssiges mitbringen möchte, sondern greife zu jenem Tropfen, der mir gerade selbst besonders gut schmeckt, egal ob Weiß oder Rot. Wobei Rotwein allgemein ein besseres, „wertigeres“ Image zu haben scheint. Und er gilt als bekömmlicher. Vor nicht allzu langer Zeit hieß es, ein Glas Rotwein pro Tag sei gut für das Herz. Doch das hat sich wohl als verkaufsfördernde Maßnahme der Weinwirtschaft herausgestellt.
Wann? Zu welchem Anlass? Zu welcher Speise? Das sind die Parameter, von denen meine Antwort auf die Frage ob „rot“ oder „weiß“ abhängt. Gerade bin ich dabei, meine Rotweinbestände aufzustocken. Denn wenn die dunkle Jahreszeit anbricht, spätestens mit der vermaledeiten Zeitumstellung Ende Oktober, landet nicht nur bei mir traditionell deutlich mehr Rot- als Weißwein im Glas. Liegt wohl daran, dass die erdigen Tannine irgendwie gemütlich schmecken und im Winter mehr deftige, Rotwein affine Speisen wie Wildgerichte auf dem Teller landen.
Ein frischer, säurebetonter Weißer, ein trockener Riesling etwa, erscheint mir jetzt deplatziert, zumindest als Schoppenwein zu meinen geliebten „Derrick“-Videos oder beim Lesen eines Buches. Das gilt indes nicht für Glühwein, der auf Weihnachtsmärkten in der Regel eine rote Farbe hat. Ich ziehe in diesem speziellen Fall weißen Glühwein vor und da kann es auch ein knackiger Riesling sein, dessen Säure durch den Zucker abgemildert wird.
Wenn „weiß“ im Winter, dann sollte es ein gereifter, körperreicher Chardonnay sein, ein Grauburgunder, Silvaner oder Grüner Veltliner. So etwas trinke ich gerne auch mal solo, aber vor allem als Essensbegleiter. Es gibt nichts Besseres als eine Riesling-Auslese oder ein Großes Gewächs dieser Rebsorte mit mehr als zehn Jahren auf dem Buckeln und vernehmbarer Petrolnote zu einem asiatischen Gericht. Wenn es scharf gewürzt ist, kann der Wein auch über eine gewisse Restsüße verfügen. Nur zu Süßwasserfischen empfiehlt sich, egal zu welcher Jahreszeit, ein eher filigraner Weißer mit moderater Säure eines aktuellen Jahrgangs. Wenn dazu eine buttrige Sauce wie eine beurre blanc gereicht wird, kann der Wein gerne eine Holznote haben.
Wie alle gesellschaftlichen Regeln sind auch die, welcher Wein zu welchem Essen passt, fließend geworden, was ich in diesem Fall nicht für einen Nachteil halte. Das Rotweinverbot zu Fisch ist längst passé, zumal immer mehr Köche ihren Gästen „Surf and turf“-Kreationen vorsetzen, also die kulinarische Vermählung von Fisch bzw. Meeresfrüchten und Fleisch. Hier kann es sehr wohl ein leichterer Rotwein sein, etwa ein deutscher Pinot noir. Oder auch mal ein Blanc de Noir, also ein Weißwein, der aus roten Trauben hergestellt wurde. Von einem Rosé halte ich nichts, das ist weder Fisch noch Fleisch – selbst wenn er aus der Provence kommt und superteuer ist.
Dem Klimawandel ist es zu verdanken, dass auch in einst typischen Riesling-Anbaugebieten wie dem Rheingau und der Pfalz immer mehr Spätburgunderweine erzeugt werden, mit glänzenden Resultaten wie in diesem sonnigen und heißen Weinjahr 2026 mit Zeug zum Jahrhundertjahrgang. Schwere, tanninlastige Rote, vor allem aus Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah, sind allerdings immer noch gehaltvollen Fleischgerichten vorbehalten, wenn man sie nicht einfach so in sich hineinschüttet – von mir aus sogar zu (spanischen) Kartoffelchips. Ich bin da relativ unorthodox. Nur zu jung darf ein Rotwein nicht sein, niemals. Ein Spätburgunder braucht mindestens fünf Jahre, um als Wein gelten zu können, ein guter Chianti ebenfalls. Bordeaux und Konsorten zwanzig und mehr, je nach Jahrgang.
Welcher Wein zu welchem Käse, ist eine Wissenschaft für sich. Die landläufige Meinung, dass Rotwein am besten zu Käse passt, ist ein Märchen, das durch ständige Wiederholung nicht an Wahrheitsgehalt gewinnt. Dagegen geht reifer Champagner eigentlich immer oder ein bevorzugt Weißer aus jener Region, aus der der jeweilige Käse stammt. Es kann auch ein Süßwein sein. Vor allem scharfe Blauschimmelkäse profitieren von dieser Kombination. Unschlagbar zu würzigem Hartkäse wie einem Comté ist ein Vin jaune aus dem Jura, je älter desto besser. Zum Dessert trinke ich einen Kaffee oder einen Obstbrand, gelegentlich einen Traminer. Portwein, wie er einst oft zur Nachspeise gereicht wurde, landet bei mir nur im Kochtopf. Mir sind die gespriteten Tropfen einfach zu alkohollastig.
Diese Kolumne erscheint immer sonntags auf achgut.com
Foto: Pixabay


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