Etscheits Cancel Cuisine: Kascha

von | Okt. 12, 2026 | Aufmacher | 0 Kommentare

Die Frühstücksgewohnheiten der Menschen sind sehr unterschiedlich nach dem Motto: Sage mir, was Du frühstückst und ich sage Dir, woher Du kommst. Die Franzosen mümmeln unerschütterlich ihre Croissants und trinken dazu einen kleinen, starken Kaffee, andernorts Espresso genannt. Vielleicht gibt’s auch ein wenig frisches Baguette mit (gesalzener) Butter und Konfitüre, aber niemals, wirklich niemals Käse zum Frühstück. Auch nicht jenen dünnen Schnittkäse,  den sich die Deutschen zur Verwunderung der Franzosen so gerne aufs Butterbrot legen.   

Von Brötchen, Schrippen, Rundstücken, Wecken, Semmeln sind wir Deutsche nicht abzubringen, was kein Nachteil ist. Wie schon Gerhard Polt befand, kann eine resche Semmel, aufgeschnitten mit etwas Butter und Marmelade, begleitet von einer Tasse Kaffee mit Milch und Zucker eine Delikatesse sein. „Sie, fantastisch, das müssten Sie glatt mal probieren.“  Ansonsten sind die Deutschen bekanntlich der Gesundheitswelle erlegen und schaufeln unverdrossen die absonderlichsten Körnermischungen in sich hinein.

Die Italiener kennen kein Frühstück im mitteleuropäischen Sinne. Sie nehmen in der Bar um die Ecke höchstens und stehenderweise ein mit Marmelade oder Pudding gefülltes Cornetto zum obligatorischen Cappuccino, der hier als reines Morgengetränk gilt, während er in Deutschland den ganzen Tag über konsumiert  (und meist falsch geschrieben) wird. Die gefüllten Hörnchen sind auch hierzulande in Mode gekommen, vor allem solche mit Pistaziencreme. In Spanien bringt man sich mit Churros auf Touren, ein frittiertes Brandteiggebäck, das man noch warm in flüssige Schokolade taucht.

Wer einmal in „den Staaten“ war, kennt und schätzt möglicherweise die allgegenwärtigen Diners und Coffeeshops, wo man sich mit deftigen, mit Butter und Ahornsirup übergossenen Pancakes sowie mit Bacon und Eggs für einen schweren Arbeitstag hinter dem Computer präparieren kann mit fatalen Folgen für die schlanke Linie. Das europäische Pendant dazu ist das „full english breakfast“, was allerdings in der Urform mit Kippers (gesalzenen Räucherheringen), Blutwurstpudding und gebratenen Würsten – wie die Engländer selbst – im Aussterben begriffen ist.

Ich aß in Großbritannien einmal Weetabix, das sind aus Vollkornweizenflocken  gepresste Kekse, die man mit Milch übergießt und mit einem tiefgoldenen Zuckersirup süßt. Eine echte Alternative zu den notorischen Cornflakes. Wie man auf Wikipedia lesen kann, sind sie seit den 1930er Jahren ein klassischer Bestandteil des englischen Frühstücks. Weetabix muss man schnell essen, weil sie sonst zu einem Brei zerfallen und ihren angenehmen Crunch verlieren.

Als ich jüngst In Russland weilte, beim neuen, alten Erbfeind im Osten, fiel mir die an die USA oder Großbritannien erinnernde Deftigkeit dortiger Frühstücksgewohnheiten auf, ablesbar an der Zusammensetzung der Frühstücksbuffets in den Hotels. Eigentlich kann man sich hier ein vollwertiges Menu zusammenstellen, mit warmen und kalten Speisen, angefangen bei Pfannkuchen und Quarkküchlein über gebratene Würste, Eierspeisen, gedünstete Gemüse und Hühnerschenkel, natürlich Schinken, Räucherfisch, mitunter Kaviar und Käse und andere Milchprodukte wie Tworog (eine Art Hüttenkäse) oder Smetana (saure Sahne) bis hin zu gehaltvollen Mayonnaisesalaten und allerlei Süßigkeiten. 

Im Mittelpunkt eines russischen Frühstücks steht unverrückbar die Kascha. Das ist ein dem englischen Porridge vergleichbarer, warmer Getreidebrei. Statt aus Haferflocken wie in Großbritannien wird eine Kascha aus Buchweizen zubereitet, einem leicht nussig schmeckenden Pseudogetreide, welches wohl aus Asien kommt und auf den kargen Böden des europäischen Russlands außerhalb der Schwarzerde-Regionen wächst. Ein Armeleutessen, dass aber auch hierzulande, weil 100-Prozent glutenfrei, immer mehr Anhänger unter den Essen-ohne-alles-Apologeten findet.

Der russische Frühstücksbrei war dort, wo ich ihn antraf, immer salzig-süß zubereitet und leider nicht ganz mein Fall. Viel besser schmeckte mir eine herzhafte Kascha-Variante, die man solo oder als Beilage zu Fleisch- und Fischgerichten essen kann. Für eine Buchweizengrütze mit Champignons und Zwiebeln wird grob geschroteter Buchweizen zunächst gründlich mit einem Ei verrührt, dann in einer nicht gefetteten Pfanne unter ständigem Rühren leicht gebräunt, mit Butter und Salz versehen, und mit kochendem Wasser aufgegossen.

Die Schwierigkeit bei der Zubereitung dieses Gerichts besteht darin, immer nur so viel Wasser dazuzugeben, dass der Buchweizenschrot weich wird, aber die Körner am Ende trocken nebeneinander in der Pfanne liegen. Hernach gibt man glasig gedünstete Zwiebeln und gehackte Champignons dazu und lässt die Kascha noch einmal kräftig durchkochen, bis wirklich alle Flüssigkeit verdampft ist. Kascha lässt sich gut vorbereiten und im Ofen aufwärmen. Warum also nicht einmal eine Gretschnewaja Kascha aus gesundem Buchweizen statt Kartoffeln, Reis, Nudel oder Couscous, auch wenn ihr Herkunftsland gerade nicht im geopolitischen Trend liegt?

Diese Kolumne erscheint jeden Sonntag bei achgut.com.

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