Hungerkünstler Tim Raue

von | Jan 13, 2023 | Aufmacher | 0 Kommentare

Ich weiß, was Hunger ist“. Diesen Satz habe ich von meinem Vater, Jahrgang 1928, hin und wieder gehört, wenn er über den Krieg und die Jahre danach sprach. Jetzt habe ich den Satz gelesen, zum ersten Mal in meinem Leben – als Titel der Biografie von Tim Raue, Jahrgang 1974. Ist das ernst gemeint? Weiß Raue wirklich was Hunger ist? Oder kokettiert er nur mit seiner so schweren Kindheit und Jugend, die er auf den Straßen Berlins zugebracht hat und in seinem neuen Buch dem Leser zum Besten gibt. Tim Raue beginnt sein Leben als Straßenjunge, hin und hergerissen zwischen Gut und Böse. Ein Spagat, den er bis heute für die Presse, seine Fangemeinde, aber auch für seine Kritiker mediengerecht perfekt inszeniert. Der Junge aus einfachen Verhältnissen, dessen Spezialität nach eigener Aussage Low-Kicks gegen den Oberschenkel waren, der in drei Jahren fünfmal die Schule wechselte und mit Selbstmordgedanken spielte, wenn ihn sein Vater bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt hatte, nimmt in seiner Biografie kein Blatt vor den Mund.

Mir ist das allerdings etwas zu dick aufgetragen, lieber Herr Raue. Doch der ohne Zweifel talentierte Koch, der sich wacker durch alle Küchen-Trends und Moden gekocht hat, aber dem bis heute die ganz hohen Weihen der ernstzunehmenden Restaurantkritiker versagt geblieben sind, pflegt nicht nur sein Image als böser Bube, er scheint es auch zu lieben. Wahrscheinlich weniger aus Überzeugung, als aus Kalkül – dem Kalkül des cleveren Geschäftsmannes, der weiß, auf welche Story seine Klientel abfährt. Marketing vom Feinsten. Der böse, immer provozierende und im richtigen Moment ordinäre Raue, eine unterhaltsame Mischung zwischen Robin Hood und Räuber Hotzenplotz, der so geschickt mit der Gossensprache umgehen kann, dass sie bestens zu Champagner und Canapés passt.

Häppchenweise Proletengetue auf „haut niveau“ für die Freunde der „haute cuisine“. Die lieben die Geschichten aus Raues Berliner Unterwelt, die rührselige Erzählung vom am Ende doch geläuterten Straßenkind. Aus Mitleid und Bewunderung wird der Triumph des Guten, ein bisschen „My Fair Lady“ für Feinschmecker und solche Zeitgenossen, die sich dafür halten. „Ich bin ein Überlebender“, sagt Raue und man fragt sich als geneigter Leser, ob er damit seine Kinderkrankheiten, die Auseinandersetzungen auf Berlins Straßen oder die überall lauernden Gefahren in einer Restaurant-Küche meint. Vielleicht hat er den Satz auch einfach nur so rausgehauen, um der Dramaturgie seiner Biografie auf die Sprünge zu helfen. „Dass Kinder Hunger haben in unserem reichen Land, ist an Erbärmlichkeit nicht zu überbieten“, setzt Raue noch einen drauf. Auch das ist mir mindestens eine Nummer zu dick aufgetragen, verkauft sich aber gut im Land der billigsten Lebensmittel und teuersten Mobilfunkverträge der Welt.

Auch wenn Tim Raue behauptet zu wissen, was Hunger ist: über die Zielrichtung seines Buches lässt er die Leser im Unklaren. Hier und da Gesellschaftsschelte, ein paar mitleidige Kurzgeschichten von der dunklen Seite der Macht innerhalb der Familie, eine wohldosierte Portion Zynismus, hier und da dicke Sprüche, dazu die schonungslose Bedienung von Sozialklischees, immer wieder egozentrisches Schulterklopfen und ein fast schon sympathischer Größenwahn mit dem klaren Ziel: ich bin der Größte. Deswegen schon mit 48 Jahren die Biografie, die in die aktuelle Zeit passt. Alles klar?

Tim Raue
Mit Stefan Adrian
ICH WEISS, WAS HUNGER IST
Callwey Verlag München
29,95 Euro

Foto: Pixabay

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