Bei deutschen Bäckern ist Kleingebäck, vulgo Plätzchen, leider nicht sehr beliebt, außer vielleicht in der Weihnachtszeit: zu arbeitsaufwändig, zu teuer für die Kundschaft, die immer noch jeden Cent umdreht, wenn es ums gute Essen geht. In Frankreich ist das anders, hier gehören „Petits fours“, wie Plätzchen dort heißen, zum Standardangebot jeder Patisserie, vor allem die wunderbar zarten Tuilles, ein wie Dachziegel (französisch: Tuilles) geformtes Mandelgebäck, fein und köstlich. Und natürlich die zuckersüßen, gehaltvollen Macarons, die auch in Deutschland mittlerweile weit verbreitet sind, die ich aber eher zur Familie der Pralinen zählen würde.
Wenn man mir einen Teller mit Plätzchen vor die Nase stellt, erwacht in mir das Krümmelmonster. Dabei muss es sich nicht einmal um sündteures „Teegebäck“ handeln, wie es in manchen Konditoreien angeboten wird, sondern gerne auch um Industriekekse, die so schlecht nicht sein müssen – allein um staubige Waffelmischungen aus der Tüte vom Discounter mache ich in der Regel einen Bogen. Bei Produkten der Firma Bahlsen bekomme ich schon vor dem Genuss Magenschmerzen, seit das Familienunternehmen aus Hannover ganz oben auf der woken Welle surft.
Schon 2021 hatte Bahlsen sein Traditions-Waffelgebäck „Afrika“ umbenannt, nachdem sich ein paar Verrückte in den sozialen Medien über den Namen beschwert hatten und drohten, die Firma deswegen an den Internetpranger zu stellen. Dabei hatten die „Afrika“-Schöpfer vor mehr als sechzig Jahren laut Bahlsen-Verlautbarung gar nicht an irgendwelche Buschbewohner gedacht, was damals noch niemanden störte, sondern wollten damit auf das Herkunftsland des Kakaos hinweisen. Seitdem habe ich „Perpetum“ gemieden und griff lieber zu Nachahmerprodukten, die zudem noch deutlich billiger sind, wobei man leider nie wissen kann, ob hinter den Billigheimern nicht auch Bahlsen steckt.
Jetzt hielt es der aktuelle CEO des Unternehmens, so großkotzig business-englisch nennen sich heute auch in Deutschland die Geschäftsführer, für angebracht, wieder einmal vor der Schwefelpartei zu warnen und „Haltung“ einzufordern. „Wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen offenen Handel in Europa, wir brauchen stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen“, sagte Bahlsen-Häuptling Alexander Kühnen. „Vor diesem Hintergrund ist die AfD für mich keine Alternative – weder unternehmerisch noch persönlich.“
Und weiter: „Wenn ich mir anschaue, welche Parteien diese Werte vertreten, dann sind das die demokratischen Parteien. Und es gibt klare Grenzen. Positionen wie Remigration sind für uns nicht akzeptabel.“ Herrgott, in dem CEO-Schädel spuken ja offenbar immer noch die Fakenews von Correctiv herum. Informiert sich der Mann denn nicht?
Ich bezweifle auch stark, ob Herr Kühnen überhaupt einmal einen Blick ins Programm der AfD geworfen hat. Und mit der Forderung nach „stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ sollte er sich lieber an Fritze wenden, der die Wirtschaft gerade in den Abgrund führt. Aber vielleicht spekuliert Herr Kühnen ja im Rahmen der groß angelegten Konversion der deutschen Industrie hin zu Rüstungsgütern auf einen Großauftrag aus dem Verteidigungsministerium: Perpetuum als künftiger Bestandteil der Einpersonenpackungen für unsere Jungs von der Trümmertruppe, die gerade zur stärksten Armee Europas aufgerüstet werden soll. Immerhin würde der Name hier Sinn machen, handelt es sich bei der wiedererwachten Kriegsbegeisterung hierzulande doch ebenfalls um ein deutsches Perpetu(u)m.
Auch im glücklicherweise weniger kriegslüsternen Italien erfreut sich Kleingebäck einer großen Anhängerschaft und wird in den Pasticcerie in großer Auswahl angeboten, oft etwas (zu) süß mit Nutella oder Marmelade gefüllt. Die bekannteste italienische Gebäckspezialität sind, auch hierzulande, die Cantuccini. Ursprünglich stammen diese (wie ein Zwieback) doppelt gebackenen und deshalb besonders knusprigen und trockenen Mandelkekse aus der Toskana. Sie waren ursprünglich wohl als haltbarer Reiseproviant für die Seefahrer der toskanischen Küste gedacht, sind aber längst auch nördlich der Alpen bekannt und beliebt.
Ich mag Cantuccini am liebsten, wenn sie nicht allzu hart sind und einem nicht beim ersten Biss die Plomben aus den Zähnen sprengen. Dann muss man sie nämlich nicht erst in einen Espresso oder Vin Santo tunken, einen toskanischen Süßwein, um sie genießbar zu machen, sondern kann sie auch mal zwischendurch mümmeln. Seit Bahlsen als Kekslieferant ausscheidet, kaufe ich mir jetzt öfter ml ein Beutelchen Cantuccini direkt aus Italien oder verproviantiere mich in einer oberbayerischen Dorfbäckerei, die diese Kekse in einwandfreier Qualität produziert und noch dazu zu vernünftigen Preise. Und garantiert ohne Haltung!
Foto:Pixabay
Diese Kolumne erscheint jeden Sonntag auf achgut.com


„Wir brauchen Fachkräfte!!!!“ Ja, wer will dem Manne denn da wiedersprelchen? Wo aber lebt der denn? Wir haben sie doch, die Millionen neuer Fachkräfte, die wir in den letzten Jahren „geschenkt“ bekamen. Wer hindert also die Krümelmonster, sich da zu bedienen und alle, bitte aber wirklich alle sofort einzustellen. Schon sieht das „Stadtbild“ doch ganz anders aus und die Keksmaschinen laufen wieder rund. Dafür kann der Mann auch gleich noch auf einen Teil seines Salärs verzichten, denn wie ich lese leidet gerade die Süsswarenindustrie unter der Kaufzurückhaltung der immer ärmer werdenden Massen im Lande. Also: Bitte mal Haltung zeigen, Herr Kühnen! Aber „Haltung“ soll ja nicht weh tun…