„Sage mir, was Du isst, und ich sage Dir, wer Du bist“. Diesen berühmten Aphorismus des Schriftstellers und Gourmets Jean-Anthelme Brillat-Savarin, kann man zum Anlass für ein heiteres Quiz im Bekanntenkreis nehmen. Kartoffelsuppe? Die Ewigkeitskanzlerin! Döner! Maggus, der bayerische Foodexperte! Fischbrötchen? Scholzomat! Currywurst? Der „Wir-müssen-die-Kirche-im-Dorf-lassen-Kanzler! Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl? Gottseibeiuns-Björn! Spaghetti frutta di mare? Der unbeliebteste Kanzler aller Zeiten.
Jetzt wird’s international: Satsivi? Stalin! Bei Satsivi handelt es sich um eine georgische Walnusssauce mit reichlich Knoblauch, die man zu Hühnchen essen kann, dazu vermutlich Wodka. Luwombo? Idi Amin. Luwombo ist Ziegenfleisch mit gehackten Erdnüssen, Zwiebeln, Pilzen und Bananenblättern. Hong Shao Rou? Mao! Das rot geschmorte Schweinefleisch, ein absoluter Klassiker der chinesischen Küche, schmeckt wirklich sehr lecker, auch wenn es einem Massenmörder gemundet hat.
Zu guter Letzt: Eiernockerl? Heiß, heißer…richtig, der Führer! Und zwar mit grünem Salat, schließlich war der Mann Vegetarier. Österreicher war er auch, was viele Österreicher ja immer noch nicht wahrhaben wollen, obwohl AH, wenn er nicht gerade Todesurteile bestätigte, bei passenden Anlässen wie den Bayreuther Festspielen altösterreichische Küss-die-Hand-Grandezza nachgesagt wurde. Eiernockerl sind eine typische Mehlspeise der seinerzeitigen Ostmark. Es handelt sich dabei um ein sättigendes Hauptgericht, vergleichbar mit schwäbischen Spätzle (Bild siehe oben). Im „Goldenen Plachutta“, der Bibel der österreichischen Kochkunst, steht es ganz vorne unter „Hausmannskost“.
In der schönen Alpenrepublik sind Eiernockerl immer noch sehr verbreitet, auch bei Menschen, denen keine „Wiederbetätigung“ vorgeworfen wird, wie einem 46-jährigen Niederösterreicher, der vom Landesgericht Korneuburg jüngst zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt wurde, ausgesetzt zur Bewährung für drei Jahre. Das heißt nicht, dass der Mann keine Eiernockerl essen durfte. Er durfte sie nur nicht fotografieren und auf seinem Facebook-Profil posten. Vor allem nicht am 20. April. Darunter hatte er geschrieben: „Pünktlich am 20.4. Tag des Herrn und für Österreich Eiernockerl mit Grünem Salat Sehr wichtig Österreich Rot-weiß-rot.“ (Rechtschreibung laut Original).
Entscheidend für die Verurteilung nach §3g Abs.1 und Abs. 2 Verbotsgesetz war laut Gericht nicht allein das Gericht, sondern „die Kombination aus Datum, Begleittext und öffentlicher Verbreitung“. Zur Erinnerung: der 20. April war „Führers Geburtstag“. Natürlich darf man auch nach diesem Urteil in Österreich am 20. April Eiernockerl essen, nur sollte man vielleicht keine mangelhaft kontextualisierten Fotos davon verbreiten. Hätte der Delinquent unter das Foto geschrieben „Eiernockerl schmecken sogar am 20.4.“, wäre er vielleicht aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden.
Der Angeklagte bestritt im Prozess eine nationalsozialistische Gesinnung und sprach von einem Scherz, bei dem er sich nichts gedacht habe. Die Geschworenen glaubten ihm nicht und entschieden mit einer Mehrheit von 7 zu 1 auf schuldig. In Österreich gibt es bei Delikten, die mit besonders langer oder lebenslanger Freiheitsstrafe bedroht sind, Geschworenengerichte. Die Geschworenen entscheiden allein über die Schuldfrage und, zusammen mit drei Berufsrichtern, über das Strafmaß. Merke: Wiederbetätigung ist kein Kavaliersdelikt!
Eiernockerl-Posting zu „Führers Geburtstag“ sind in Österreich nicht unüblich. Schon 2012 wurde im Burgenland ein Polizist wegen eines solchen Postings am 20. April zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt sowie zu einer Geldbuße von 6300 Euro. Zumindest in materieller Hinsicht steht diese Strafe in keinem Verhältnis zu dem geringen Aufwand, der für die Zubereitung von Eiernockerl nötig ist: Laut Plachutta braucht man nur 60 Gramm Butterschmalz, 800 Gramm Nockerl, Salz, 8 Eier und 1 Teelöffel Schnittlauchröllchen. Die Nockerl (Spätzle) kann man selbst aus Mehl oder als Kartoffelteig herstellen oder fertig kaufen. Für Eiernockerl werden die Nockerl in Butterschmalz erhitzt, mit den verschlagenen Eiern übergossen und so lange gebraten bis das Ei gestockt und die Nockerl leicht gebräunt sind. Dann streut man Schnittlauch darüber.
Bei meinen Recherchen zu diesem Artikel wurde ich darüber aufgeklärt, dass AH offenbar noch eine andere Lieblingsspeise hatte, die seinem Ruf als asketischer Fleischverächter und Abstinenzler entgegenstand: Tauben, gefüllt mit einer Farce aus Zunge, Leber und Pistazien. Das hätte man eher vom Größten Feinspitz aller Zeiten, dem Reichsfeldmarschall und Reichsjägermeister HG erwartet, der sich in seiner Residenz in der Schorfheide bevorzugt von Otto Horcher, Besitzer des gleichnamigen Berliner Luxusrestaurants, catern ließ. Obwohl kaum anzunehmen ist, dass die Wiederbetätigungsfahnder, ob hierzulande oder in Österreich, gefüllte Tauben auf dem Schirm haben, sollte man von entsprechenden Postings am 20. April Abstand vorsichtshalber nehmen.
Diese Kolumne erscheint jeden Sonntag bei achgut.com
Foto: Pixabay


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