Das Gasthaussterben ist ein unspektakulärer Prozess. Mal hier, mal dort wird ein altes Wirthausschild abmontiert und durch ein neues ersetzt: „Da Mario“ oder „Maharadscha“ statt „Gasthof zur Post“ und im Gastraum hängen plötzlich Lampions statt Hirschgeweihe. Oder die Türen schließen sich für immer, wie jetzt im „Schaumburger Hof“ zu Bonn. Wie der Kölner General-Anzeiger berichtet, wurde über das weithin bekannte Traditionshaus das Insolvenzverfahren eröffnet, 270 Jahre nach dessen Gründung im Jahre 1755. Die bemerkenswerte Historie des Ortes ist der Grund dafür, dass über diesen Fall des Niedergangs der deutschen Wirtshauskultur ausnahmsweise überregional berichtet wurde. Grund für die Insolvenz sollen die Nachwirkungen der Corona-Hysterie und die hohen Personal- und Energiekosten sein.
Gegründet wurde der „Schaumburger Hof“ in Bonn-Plittersdorf von Peter Joseph Rhein, einem Winzer, der seinen Ausschank am Rhein um Pferdeställe für Treidler erweiterte. Ein Erfolgskonzept, weil Schiffe zu der Zeit mithilfe von Pferden stromaufwärts gezogen („getreidelt“) wurden. Damals hieß der Gasthof noch „Unter den Linden“ wie der gleichnamige Berliner Boulevard. Zu dieser frühen Zeit kehrte auch Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha hier ein und soll dort 1839 auf seine Kusine, die englische Königin Victoria getroffen sein, die er 1840 ehelichte. Auch andere historische Persönlichkeiten, etwa Friedrich Nietzsche, Alexander von Humboldt und Heinrich Heine, sollen hier verkehrt haben. Bestimmt auch der olle Goethe, der war bekanntlich überall einmal.
Historisch interessant wurde es um das unterdessen in „Schaumburger Hof „umbenannte Lokal noch einmal im Jahr 1948. Der Parlamentarische Rat, der für die sogenannte Westzone eine vorläufige staatsrechtliche Grundordnung erarbeitete, debattierte hier am 5. September 1948 über das Grundgesetz, das knapp ein Jahr später als Quasi-Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet wurde.
Foto: Pixabay


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