Etscheits Cancel Cuisine: Gastronom Nr. 1

von | Sep. 25, 2026 | Aufmacher | 0 Kommentare

Delikatessengeschäfte üben auf mich eine magische Anziehungskraft aus. Selbst wenn ich gerade keinen Appetit verspüre, fasziniert mich die Vielfalt und Pracht der Auslagen. Lebensmittel sind für mich ein essentielles Kulturgut, das Auskunft gibt über den Entwicklungsstand einer Gesellschaft. Namentlich in Frankreich und Italien lasse ich gerne das eine oder andere Museum oder eine sehenswerte Kirche links liegen, um mich in den Markthallen von Stand zu Stand treiben zu lassen, mit Händlern und Produzenten zu plauschen, nach Besonderheiten einer bestimmten Region Ausschau zu halten. Am Ende verlasse ich meist schwer bepackt den Ort kulinarischer Lustbarkeiten.

Leider sind gut sortierte Feinkostläden in Deutschland mittlerweile Mangelware. Selbst die einst legendäre Feinschmeckeretage im Berliner KaDeWe hat viel von ihrem Glanz eingebüßt, seit nach diversen Besitzerwechseln das Eigensortiment auf Restbestände zusammengeschrumpft ist und einem banalen Shop-in-Shop-System Platz gemacht hat, wo nun vor allem die zahlreichen Fress- und Saufstände den Ton angeben. Was wörtlich zu verstehen ist, weil es in der „Sechsten“ meist laut und ungastlich zugeht.

Eigentlich ist nur noch München mit dem Delikatessenhaus Dallmayr und Feinkost Käfer gut bestückt, während andernorts alteingesessene, Inhaber geführte Häuser reihenweise geschlossen haben. Zuletzt auch viele der oft vorbildlich sortierten Feinkostabteilungen der Warenhäuser. Nun ja, Deutschland ist bekanntermaßen (wieder) ein sozialistisches Land geworden – und Genussfeindlichkeit ist ein Leitmotiv des grünen Sozialismus.

In der Sowjetunion waren es notabene die Delikatessengeschäfte, denen es nach der Revolution ganz schnell an den Kragen ging. Namentlich die berühmten Niederlassungen der Gebrüder Jelissejew in Moskau, Sankt Petersburg und Kiew – galten die Tempel des Luxuskonsums doch als Sinnbilder kapitalistischer Dekadenz. In Moskau wurde das Jelissejew an der Twerskaja uliza von den Kommunisten nach der Enteignung zwar nicht geschlossen, aber in „Gastronom Nr. 1“ umgetauft. Da verging einem ganz von selbst der Appetit, auch wenn man hier manchmal noch Dinge fand, die es anderswo nicht gab, Lachs oder Kaviar zum Beispiel. Ob man sie sich leisten konnte, stand auf einem anderen Blatt.

Leider wurde das Moskauer Jelissejew im Jahre 2021 ein Opfer der Coronapandemie und auch der Tatsache, dass in Moskau mittlerweile zahllose moderne Shoppingmalls eröffnet hatten, die unabhängigen Einzelhändlern das Leben schwer machten. Zum Glück gibt es aber noch das berühmte GUM am Roten Platz mit einer der wohl prachtvollsten Delikatessenabteilungen Europas, die seit 2008 ironischerweise als „Gastronom Nr. 1“ firmiert und neben dem Namen noch manch andere Reminiszenzen aus der Sowjetzeit bietet, etwa eine Reihe von seinerzeit sehr beliebten Torten wie „Skaska“ („Märchen“) oder „Leningradsky“.

Auch das GUM hat eine wechselvolle Geschichte. Eröffnet Ende des 19. Jahrhunderts im historistischen Stil als „Obere Handelsreihen“, wurde der Basar mit einer Verkaufsfläche von 35 000 Quadratmetern im Zuge der Revolution zeitweise geschlossen und umfunktioniert. Zu Zeiten Stalins sollte es sogar abgerissen werden, um Platz zu machen für einen gigantischen Gedenkort zum Sieg über Nazideutschland. Glücklicherweise starb der Diktator noch rechtzeitig und der Kulturfrevel unterblieb. Unter Nikita Chruschtschow wurde das GUM als Vorzeigekaufhaus wiedereröffnet. Angeblich soll es dort eine geheime, nur für Angehörige der Nomenklatura zugängliche Abteilung gegeben haben, wo man auch aus dem kapitalistischen Westen importierte „Defizitwaren“ kaufen konnte.

Nach dem Untergang der Sowjetunion verblieb das Warenhaus zwar in öffentlichem Besitz, wird heute jedoch von einer privaten Gesellschaft betrieben, die auch für das Sortiment des „Gastronom Nr. 1“ verantwortlich ist. Am Eingang finden sich, wie man es hier nicht anders erwartet, Kühlschränke mit rotem und schwarzen Kaviar und Gläsern mit dem ausgelösten Fleisch von Kamtschatka-Königskrabben, in Geschmack und Textur dem Hummer nicht unähnlich.

Dann reiht sich eine Köstlichkeit an die andere: Süßigkeiten aus Aserbeidschan, Käse und Wurstwaren vor allem aus Russland und Weißrussland (Camembert, Brie, Roquefort, Gorgonzola aus heimischer Produktion unter lässiger Missachtung europäischer Markenschutzrechte, wen schert das hier schon…), Wein, Champagner, Wodka, Cognak und andere Spirituosen aus dem Gebiet der Russischen Föderation und dem Kaukasus, Räucherfisch, allerlei Brotspezialitäten, kleine Fertiggerichte…

Leider darf man infolge der westlichen Sanktionen gegen Russland keine Fischprodukte aus dem „Empire of evil“ mehr nach Europa einführen. Weil die Kontrollen an den Schengengrenzen, wie ich später feststellen konnte, lax sind, werde ich mir nächstes Mal aber sicher ein Gläschen Kaviar in den Koffer packen. Als ich in den achtziger Jahren einmal in Leningrad weilte, besorgte mir eine freundliche junge Dame im roten Lackkostüm, die den unbedarften Wessi-Studenten in der dortigen Jelissejew- bzw. Gastronom Nr. 1-Dependance angesprochen hatte, eine 500-Gramm-Dose, die ich erfolgreich durch den russischen und deutschen Zoll schmuggelte und zu Hause fast allein verputzte. Dass ich die junge Dame nicht vor Ort schwängern und nach München mitnehmen wollte, hat sie mir sehr verübelt.

Diesmal erstand ich ganz ohne galante Vermittlung nur ein paar mit Marmelade gefüllte, kunstvoll verzierte Lebkuchen aus Tula, der russischen Hauptstadt der Lebkuchen- (und Waffen)produktion, die wegen letzterer immer wieder Ziel ukrainischer Drohnenattacken ist. Es gibt übrigens trotz der Sanktionen immer noch viele westliche Importwaren im Gastronom Nr. 1, darunter Mozartkugeln der Firma Reber aus Reichenhall, zwölf Stück für umgerechnet 26 Euro. Industriequalität, was nicht ganz dem Niveau dieses außerordentlichen Delikatessenhauses entspricht.

Foto: Pixabay

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