Die Erfindung des Vanille- und Schokokrapfens gefüllt mit Vanille- oder Schokoladenpudding als Alternative zum klassischen Marmeladenkrapfen habe ich noch begrüßt, auch ein Pflaumenmuskrapfen, erinnernd an böhmisches Hefebackwerk, erscheint mir sinnvoll und geschmacklich überzeugend. Doch dann kam der Baileys-Krapfen mit einer auf dem irischen Sahnelikör basierenden Füllung nebst Glasur, der Tiramisu-Krapfen, der oft so voluminös gerät, dass man ihn nur mit Messer und Gabel essen kann oder ein blauer Krümelmonsterkrapfen, gefüllt mit Schokocreme und Smarties, nicht zu vergessen der Dubai-Krapfen, angelehnt an die gehypte Dubai-Schokolade mit Pistaziencreme und türkischem Engelshaar.
Mittlerweile wird wahllos in die wehrlosen Krapfen appliziert, was nicht bei drei auf dem Baum ist, bis hin zu pikanten Ausreißern wie dem jüngst von der Münchner Konditorei Kreutzkamm präsentierten Weißwurstkrapfen. Letzterer erinnert mich ein wenig an jene mit Senf gefüllten Scherzartikel, die einem Kreppelkaffee zur Fastnacht im vertrauten Kreis die gewisse Würze gaben. Kein Scherz ist auch die Erfindung eines Bosna-Krapfens durch einen Bäckermeister aus dem oberbayerischen Miesbach, gefüllt mit einem Würstel und Curry-Ketchup-Soße nebst angeschmolzenen Zwiebeln, angelehnt an ein von einem Bulgaren in Salzburg erfundenes, nicht für jedermann Geschmack geeignetes Bratwurstsandwich.
Doch die Krapfenvielfalt hat allerdings ihre Grenzen. Im Jahre 2023 wurde ein Heilbronner Bäcker von der städtischen Anti-Diskriminierungsstelle abgemahnt, weil er Krapfen mit „diskriminierenden Dekorationen“ angeboten habe. Die Figuren auf dem Süß-Gebäck zeigten neben Chinesen, weißhäutigen Cowboys auch, wie es hieß, „Darstellungen schwarzer und indigener Menschen“. O-Ton der Behörde, die aufgrund einer Kundenbeschwerde vulgo Denunziation tätig geworden war: „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass sich Darstellungen dieser Art stereotypen Bildern bedienen. Es handelt sich um eine Reproduktion kolonialistischer Vorstellungen und einer Geschichte von Unterdrückung und kultureller Aneignungen.“ Der Bäcker wurde aufgefordert, das Dekomaterial „diskriminierungssensibel“ abzuändern.
Doch der tapfere Mann ließ sich nicht unterkriegen und bietet auch dieses Jahr wieder seine politisch inkorrekten Krapfen feil. Ralf Herrmann, so der Name des Unbeugsamen, kann die Aufregung um seine harmlosen Faschingsküchle laut „Heilbronner Stimme“ nicht ganz nachvollziehen: „Was soll daran problematisch sein? Ich diskriminiere niemanden“, sagt er. Und sollte sich jemand diskriminiert fühlen, könne die Person gerne bei ihm vorbeikommen, um das Thema zu diskutieren. So geht Meinungsfreiheit. Und so geht Verkaufsförderung. Vergangenes Jahr waren die inkriminierten Gebäcke ein wahrer Verkaufsschlager – 1800 Stück gingen bei Herrmann über die Ladentheke. So viel Mut und Beharrlichkeit wünschte man sich auch andernorts.
Foto: Pixabay


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