Uniteis, die Vereinigung italienischer Eismacher in Deutschland präsentiert alljährlich vor Beginn der Saison eine „Eissorte des Jahres“. Die Idee, irgendetwas oder irgendjemanden zum Favoriten des Jahres zu erklären, ist nicht neu und auch nicht besonders originell, trotzdem schaffen es die entsprechenden Meldungen immer wieder nach ziemlich weit vorne auf die bunten Seiten. Meist folgt man dabei einem aktuellen Trend. Im Jahre 2024 etwa kürten die Gelatieri ein Haselnusseis ohne Milch als „raffinierte und innovative Haselnusskreation im Einklang mit dem anhaltenden veganen Trend“.
Die gute, alte Eisbombe zum Trend des laufenden Jahres zu erklären, wäre vielleicht etwas zynisch, außerdem lassen sich die kunstvollen Gebilde der Eiskonditorenkunst, die leider etwas aus der Mode gekommen sind und nur noch in manchen Hotels oder beim Captains Dinner auf Kreuzfahrtschiffen zelebriert werden, schlecht „über die Straße“ verkaufen. Vorderhand unverfänglicher scheint es, anlässlich des 200. Geburtstages von Carlo Collodi, dem Schöpfer des „Pinocchio“, eine nach dem Kobold mit seinem ausgeprägten Mangel an Wahrheitsliebe benannte Eissorte zu propagieren. Laut Uniteis handelt es sich beim Eis des Jahres 2026 um eine „feine Milcheissorte mit einem Erdbeersorbet vermischt und mit schokoladenüberzogenen Grissini, die die Nase symbolisieren sollen, verziert“.
Wer sich das verunglückte Arrangement auf der Homepage des Verbandes anschaut, kommt etwas ins Grübeln, was das mit Pinocchio zu tun haben soll. Sehr professionell sieht der Pflatschen jedenfalls nicht aus, eher denkt man an die Bastelarbeit eines Kindergartens. Entfernt könnte man auch auf den Gedanken kommen, dass es sich hier um ein stilisiertes Coronavirus handeln könnte mit den stacheligen Grissini als Nachbildung von Spike-Proteinen. Aber das wäre auch nicht viel witziger als die Eisbombe.
Dass Pinocchio gerade im Trend liegt, ist unbestreitbar, auch ohne den Jubeltag zu Ehren des berühmten Kinderbuchautors Carlo Lorenzini, der sich nach seinem Geburtsort „Collodi“ nannte, wo er am 24. November 1824 das Licht der Welt erblickte und nicht ahnen konnte, dass die von ihm geschaffene lebendige Holzpuppe Pinocchio, der beim Flunkern immer eine lange Nase wächst, zum Sinnbild der Unwahrhaftigkeit überhaupt werden sollte. Wobei man sich verkneifen sollte, in diesem Zusammenhang an einen herausgehobenen Politiker deutscher Zunge zu denken, weil man sonst flugs vor dem Kadi landen könnte.
Dass Friedrich Merz eine Beziehung zu Speiseeis hat, ist dagegen gerichtsfest nachweisbar. Auf TikToc gibt es ein kurzes Video vom August 2024, in dem der damalige Oppositionsführer von hinten im dunkelblauen Anzug dabei zu beobachten ist, wie er an der Theke einer Eisdiele eine Portion Eis verlangt. Der Inhalt des kurzen Verkaufsgesprächs ist wegen des Hintergrund-Gebrabbels nur schwer nachzuvollziehen. Auch die von Merz präferierte Eissorte geht aus dem Video nicht zweifelsfrei hervor, der hellroten Farbe nach könnte es sich um Himbeer- oder Erdbeereis gehandelt haben, vielleicht auch Erdbeerjogurt oder etwas ähnliches.
Der kurze Text zum Video, humorfrei wie der jetzige Kanzler, klingt wie ein Werbeslogan von Uniteis: „Erfischendes Eis für den Sommer. Himbeeren und mehr. Genießen Sie das warme Wetter mit leckerem Eis und frischen Himbeeren.“ Hashtags #merz, #friedrichmerz #cdu #sommer. In den fast 500 Userkommentaren zu dem Video wird Merz etwas pauschal vorgehalten, nur er als „Blackrocker“ könne sich solch ein Eis leisten, Rentner dagegen nicht. Außerdem seien die Kugeln „nur bei Merz so groß“. Die landen übrigens nicht in einer Waffel, sondern einem Glas, was darauf schließen lässt, dass sich Merz vielleicht einen Himbeereisbecher gegönnt hat.
Was der einstige „Blackrocker“ für die Erfrischung gezahlt hat, wird auf seinem TikTok-Account nicht verlautbart. In angesagten Münchner Eisdielen kostet eine Portion mittlerweile bis zu drei Euro. Als der frühere grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin vor zwanzig Jahren die zu erwartenden Energiewendekosten auf den Gegenwert von einer Kugel Eis pro Monat und Durchschnittshaushalt bezifferte, lag der mittlere Preis einer Kugel noch bei 50 Cent. Mittlerweile dürfte jeder Haushalt etwa 100 Euro pro Monat für die längst gescheiterte Transformation der Energieversorgung blechen, was nach damaligem Kurs rund 200 Eiskugel entsprochen hätte. Das wären schätzungsweise sieben Kugel am Tag, eine absolut gesundheitsschädliche Dosis.
Wenn man Münchner Blackrocker-Verhältnisse zugrunde legt, sind es immerhin noch 33 Kugeln. Bitter nicht nur für manche Rentner, so bitter wie das „Schwarze-Null“-Schokoladensorbet, das ein Münchner Eismacher aus Anlass der letzten Bundestagwahl vor fast genau einem Jahr kreiert hatte: „Extra bitter und hart, weil man da nun mal Abstriche machen muss.“ Preis pro Kugel: 1,95 Euro. Beim Grünen-Eis mit Öko-Pistazie waren noch 50 Cent „Klimazuschlag“ fällig.
Diese Kolumne erscheint immer sonntags auf der Achse des Guten.
Bild: Uniteis


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